Camino Norte, 1. Teil, Jun/Jul 2016

Bitte unbedingt auch die grundsätzlichen Gedanken zu Caminos lesen!

14 Tage auf dem Norte. Wie kam es dazu? Conny hatte neben dem Frances auch schon den Norte bereist und durch die Bilder und Schwärmerei fassten wir den Entschluss, zum Einstieg für „Caminoneulinge“ 14 Tage von Irun aus die schönsten Abschnitte Richtung Santiago zu laufen. Wir waren zu dritt, eine Bekannte flog mit und so ging es nach einem schönen Flug nach Bilbao direkt weiter mit dem Bus nach San Sebastian und mit der Metro bis Irun, wo wir die städtische Herberge aufsuchten, in Spannung, was uns wohl die nächsten zwei Wochen erwarten würde. Der Norte ist nicht gerade das, was man einen leichten Weg nennen kann: Jede Etappe weist reichlich Höhenmeter auf und die angekündigten Temperaturen sollten ihr übriges tun, uns zu fordern.

  1. Tag Irun – Orio

Nachdem „Kehraus“ des Herbergvaters am folgenden Morgen nahmen wir als die mit Abstand Letzten den Weg Richtung Santiago unter die Sohlen. Hervorragend, wenn man einen erfahrenen Guide beim ersten Mal dabei hat! Conny wusste noch genau, wo es lang ging und so dauerte es nicht lange und wir sahen den ersten gelben Pfeil, der uns nun bis ans Ende unserer Reise begleiten sollte. „Da hinten müssen wir drüber“… noch genau erinnere ich mich, was wir zwei „Neulinge“ dabei dachten: Ach was, das kann unmöglich sein, lustiger Scherz. Ja, ja… welch ein Irrtum. Es ging erst gemächlich aus Irun den Berg hoch, einzelne Häuser, jedes mit einem Gemüsegarten, säumten den Weg, der zusehends steiler und steiler wurde. Immerhin, nach einiger Zeit kam die Truppe mit Truthahnköpfen auf einem Plateau an, auf dem eine Kirche stand, auf derem Vorplatz einige Bänke zur dringend notwendigen Rast einluden.
Weiter ging es nun an einer Bergflanke in brütender Hitze entlang, die Luft flimmerte und unsere Kehlen waren trocken. Entschädigt wurde man mit herrlichen Blicken und der Hoffnung auf eine (oder zwei) Flasche(n) Wein am Abend. Als wären die Rucksäcke nicht schwer genug, hatte ich noch eine Glasflasche (!) Port im Gepäck, die uns später noch von Nutzen sein sollte. In Pasaia setzen wir mit einer kleine Fähre über, nicht bevor wir einen Kaffee getrunken hatten und die ersten Geschichten von Menschen auf dem Weg hören mußeten. Ein junger Pilger, dritter Hörsturz, Steuerberaterprüfung abgebrochen, Handy daheim gelassen, klagt sein Leid. Was er sagen will: Stress mit der Freundin, von der er vermutlich nie wieder was hören wird, wenn er zurück kommt…
Nun denn, am anderen Ende der Bucht erwartet uns eine gefühlt unendlich lange Treppe, die Hitze ist nicht weniger geworden. Aber alles hat ein Ende, so auch diese Etappe. Nach über 26 km kommen wir in San Sebastian an, von hier soll es weiter mit dem Bus nach Orio gehen. Klingt gut, geht schlecht. Wir finden die Bushaltestelle nicht und so kommen schließlich noch einige Kilometer kreuz und quer in San Sebastian dazu. Letztendlich erreichen wir Orio, nur um gleich wieder einen ziemlichen Berg hoch zur Herberge zu marschieren. 25.- € pro Person inkl. Pilgermenü und Frühstück und eine Herbergsmutter, die auf Männer mit „Cojones“ steht. Nach Salat, Fisch und gebackenen Äpfeln geht es ziemlich geschafft zu Bett.

2. Tag Orio – Zumaia

Nachdem wir den Berg wieder runter sind, geht es.. genau, wieder Berg hoch, es beginnt leicht zu regnen. Uns überholt ein Bus mit Pilgern, die oben abgeladen werden. So kann man´s auch machen. In einem Städtchen holen wir uns Stempel für den Pilgerpass, man lädt mir etliche Liter Wasser auf (für was??) und weiter geht es wieder hoch. Schließlich erreichen wir Zumaia, die Aussicht hinunter in den Ort ist unbeschreiblich. Durch Zufall finden wir ein Kloster, in dem wir übernachten können, toller Ort! Ein 3-Bettzimmer mit Plastikmatratzen und sehr geschichtsträchtig. Beim Einkauf treffen wir auf eine perfekt Deutsch sprechende Verkäuferin, hat mal in Berlin gewohnt…
Für 6,95€ gibt es ein Steak mit Pommes, dazu Wein, das Glas zu 1.- €, alles sehr lecker. Zurück im Kloster geht es auf die für mich eigentlich zu kurze Matratze. Ingesamt haben wir heute 18,5 km zurückgelegt in ca. 6,5 St.
Nachtrag: Selbst meine Ohrenstöpsel konnten die Sägerei einiger Anwesenden absolut nicht dämpfen…

3. Tag Zumaia – Deba

Raus aus dem Kloster und – man gewöhnt sich ja an alles – gleich den Berg hoch. Wellenförmiges Auf und Ab, bis wir eine Art Spielplatz erreichen, von dem aus zwei Varianten gelaufen werden können. Wir entscheiden uns für die reguläre Route und verlassen etwas die Küste. Es geht durch Wälder steil hoch, am Ende der Steigung besuchen wir eine schöne Kirche. Hier sind zwei Dinge interessant: Zum einen ein markanter Spanier, von dem die Damen noch Stunden später schwärmen werden und zum anderen ein unglaublich perverser, man verzeihe, widerwärtig ekelhafter Darmwind, der fast die gesamte Kuppel der Kirche ausfüllt. Glockig hängt er im Raum, schwängert achtsam die Luft, um nur langsam und widerwillig zu verduften. Ich persönlich hab ja den Spanier in Verdacht, der süffisant lächelnd ein paar schöne Fotos von uns Dreien schießt.
Sehr, sehr steil geht es nun hinab nach Deba, mit kleiner Pause vor einer Art Kapelle. Die „Schippe“, so haben wir die Frau aus der letzten Herberge, ob ihrer amerikanisch-lauten Art und dem entsprechenden Mund, getauft, überholt uns. Lustig.
Deba selbst kommt einem nach der vielen Natur laut und grell vor. Wir besorgen uns Fahrkarten, wir wollen nach Portugalete, von wo aus es morgen weitergehen soll. Dort reserviert uns die Tourist Information drei Betten im Bide Ona, einem Hostel, das wir – Achtung! – statt den Berg hochzulaufen, mit einer Rolltreppe erreichen.
Dort erfährt man, was einen „echten Pilger“ ausmacht. Derlei Gespräch muss man, nimmt man Hostels oder Herbergen, halt über sich ergehen lassen. Leider haben alle Bars noch zu bzw. fangen erst um 21 Uhr an zu kochen und so muss halt der Wein herhalten…
15,4 km in ca. 5 1/2 St war unsere Leistung heute. Klingt nach wenig, ist aber wegen der Höhenmeter schon stramm.

4. Tag Portugalete – Pobena

Das wird eine kurze Etappe werden, 11,3 km in gut 2,5 St, kaum Höhenmeter. Wir kommen an, Kaffee in einem stylischen Schuppen, dann Strand und… BADEN im Meer! Die städtische Herberge ist ein Traum: Schon gegen 14 Uhr sitzen Heerscharen in der Sonne und warten auf Öffnung. Nein danke, unter den erstaunten Blicken der Anwesenden treten wir den Rückzug an und nehmen ein schönes Apartment mit Kochnische…

5. Tag Pobena- Castro-Urdialis

Spät, gegen 9.00 Uhr, brechen wir auf. Es geht den Strand entlang, an dem wir gestern baden waren, dann eine steile Treppe hoch und weiter, etliche Kilometer durch Natur. Man könnte hier alle 10m Postkartenfotos schießen, einfach unglaublich schön. Nach weiteren 2 km mit über 5% Steigung erreicht man Castro-Urdialis über herrliche Klippen, der rauhe Strand öffnet sich dahinter zu einer Badebucht wie aus dem Bilderbuch. Leider hat die Kirche geschlossen, so suchen wir nun die Bushaltestelle, von wo uns der Bus zu unserem nächsten Ziel bringen soll: Liendo. Leider sind die Informationen spärlich und wir warten an der falschen Stelle. Durch Zufall kommen wir dann aber doch noch zum Abfahrtsort, der Busfahrer ist freundlich und… lässt uns mit unseren mittlerweile getätigten Einkäufen in etlichen Plastiktüten direkt vor der Herberge aussteigen. Peinlich, wären wir „echte Pilger“! Aber so nehmen wir drei es mit einem Schulterzucken, buchen ein und die Damen zaubern ein Menü. Dazu stellen wir den Tisch für das Abendessen auf den Vorplatz, so stellt man sich das vor, perfekt! Ein lustig-verrückter Mexikaner fotografiert uns und unser Essen, auch witzig. Die Herberge selbst hat sicher keine 6 * für Sauberkeit. Aber was soll´s, man hat ein Bett nach 19 km und 5 1/2 St tut das gut.

6. Tag Liendo – Laredo

Heute der erste Tag, an dem wir wirklich früh unterwegs sind. Es geht einen kleinen Pass hoch an einer Einsiedelei vorbei und auf der anderen Seite erreichen wir Laredo. Hier logieren wir „zum guten Pastor“, wo eine alte Franziskanernonne ein hartes Regiment führt: Lachen verboten, trinken verboten. War trotzdem fein, zumal wir runter an den Strand gehen und schöne Stunden im und am Meer verbringen.

7. Laredo – Noia

Die Nonne warnte uns, wir sollten früh los, da wir ein Boot erreichen müssen, am anderen Ende des Strandes. Und sie hat recht, volle 5 km feinste Strandpromenade müssen wir entlanglaufen, bis wir das Ende erreichen, von wo uns das Boot für 2.- € p.P. übersetzt. Wir entschließen uns, die Halbinsel zu umrunden und damit liegen direkt die ersten 300 Höhenmeter vor uns. Dass das Panorama einfach unglaublich ist, muss nicht wieder erwähnt werden, dafür kommen wir auf dem Zahnfleisch in Noia an. Hier feiern die Basken gerade St. Peter auf dem Dorfplatz vor dem Hostel. Direkt um die Ecke mache ich die beste Burgererfahrung meines Lebens, Donnerwetter, selbst „Bollburger“ Verwöhnte werden hier staunen! Ich gehe früh zu Bett, während die Damen dem Alkohol zusprechen.

8. Tag Noia – Guemes

Das sollte mein persönliches Highlight werden, noch ahnte ich nichts… Der Wanderführer drängt, diese Herberge zu besuchen. Warum nur, warum? Das frage ich mich nach vielen Jahren immer noch. Um 11.00 Uhr geht es los, auf und ab in sengender Hitze Richtung Landesinnere. Schließlich erreichen wir unter Qualen den sogenannten „guten Opa“. Um Conny mit einem unsterblichen, auf Film gebannten Zitat sprechen zu lassen:

„Wenn der Schmerz groß genug ist, dann interessiert dich das sch** Gelaber überhaupt nicht mehr. Dieses spirituelle Gelaber… da will der Körpa nur noch Körpa sein!“

Wahre Worte, aber es sollte noch besser kommen. Die „Herberge“ ist eine Art Ashram, wo ein alter, schlauer Fuchs jeden Abend um 19 Uhr (Maria, eine der JüngerInnen: „Wenn die Glocke tönt, treffen wir uns im Gemeinschaftsraum“) die Pilgerschaft trifft, die dann gebannt lauschend seine Selbstbeweihräucherungen in sich aufnehmen. Unfassbar. Leider auch unfassbar, dass man auf Gedei und Verderb der Blase dort ausgeliefert ist, weil absolut NICHTS in der Umgebung ist, kein Ort, keine Einkaufsmöglichkeit, rein gar nichts. Alles auf Spendenbasis, ist klar. Klar auch: Nicht einen roten Heller hab ich dortgelassen. Den Rest will ich dem geneigten Leser ersparen, jedenfalls hat der Alte ein geniales Geschäftsmodell entwickelt.
Ach so, fast hätte ich es vergessen: Selbstredend hat er auch eine Art Kirche auf dem Grundstück errichtet…

9. Tag Guemes – Santander

Wenig was man schreiben kann, da diese Etappe einfach nur gigantisch ist. Smaragdgrüne, rauhe See, unzählige einsame Buchten, Natur pur! Bis man die Stadt erreicht, passiert man endlose Badestrände und setzt dann mit einer kleine Fähre über ins pralle Großstadtleben. Merke: Hier wird man schon abgezockt. 3-Bettzimmer. Wenn man hierzulande einen Hund so halten würde, auf der Fläche, dann käm der Tierschutz. Für läppische 12.- € pro Bett ja fast ein Schnäppchen!

10. Tag Santander – Santillana del Mar

Früh fahren wir mit dem Bus nach S.d.M. Heute sozusagen Ruhetag, es regnet leicht. Der Ort ist absolut einen Besuch wert, auch speziell die Herberge, die wir uns ausgesucht haben. Conny kannte die Unterkunft und wir waren ob ihrer Erzählungen gespannt, was uns erwarten würde. Krass, eine Art altes, dunkles Herrenhaus, von zwei Minderwüchsigen bewirtschaftet… Unheimlich und faszinierend zugleich. Nachdem wir unser Gepäck untergebracht haben, statten wir dem örtlichen Foltermuseum einen Besuch ab. Immer wieder interessant, was Menschen sich einfallen lassen, andere Zeitgenossen zu quälen. Beispiel gefällig? Ein hoher, schmaler „Spieß“ steht am Eingang, hier setzte man, gut geschmiert, den Delinquenten auf die Spitze, sodass er durch sein Eigengewicht unendlich langsam in den Pfahl glitt.
Eine lecker Pizza später liegen wir im Panoptikum, die Phantasie angeheizt durch den Besuch….. DA! Gegen Mitternacht weckt uns ein langezogener, gellender Schrei einer Frauenstimme… Gruselig! Und die Decke hat Löcher, wie tausende von Augen….

11. Tag Santillana de Mar – Comillas

Wir warten den Morgen auf den Bus, der uns nach Comillas bringen soll, als ich mir überlege, ich könnte ja laufen. Gesagt getan, wir verabschieden uns unter Tränen und ich lasse die Damen zurück.
Naja.. Conny hatte Recht, die Etappe ist übel. Es ist dermaßen heiß, dass ich ab und zu dran denke, ein Taxi zu organisieren, aber das tut ein „echter Pilger“ nicht. Und so komme ich irgendwann völlig abgekämpft am Strand von Comillas an, meine beiden Begleiterinnen haben schon eine schöne Unterkunft gebucht und flanieren am Strand. Nachdem ich meinen Rucksack ebenfalls untergebracht habe gehen wir baden und besuchen das „El Capricho de Gaudi“. So stell ich mir schöner Wohnen vor…
Auch eine weiter Hexenausstellung besuchen wir, irgendwie steckt das Foltermuseum noch in unseren Knochen…

Resumee

Was bleibt an Eindrücken zurück? Nun, es ist als allererstes wirklich genial, wenn jemand mit Erfahrung dabei ist. Im Vorfeld waren die Vorstellungen, was z.B. die Orientierung, Unterkunft etc. angeht schon durchwachsen. Nichts davon traf zu. Die Landschaft ist noch schöner, als es selbst die besten Bilder darstellen. Viele unvergessene Episoden auf dem Weg, die man nicht missen möchte. Und letztendlich war das der Anfang von- hoffentlich noch vielen – Caminowanderungen!

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